Dienstag, 29. Juni 2010

Cat Down Under - Teil 15

Wir mussten noch ein paar Formulare ausfüllen und bekamen noch ein bisschen Einführungsblabla von der Tochter des Besitzers. Danach wurden wir in Pick-Ups abgeholt und bekamen dann vom Chef persönlich erklärt wie man Äpfel pflückt. Außerdem musste eine den Traktor fahren. Und das war nicht ich.
Die Toiletten wurden gezeigt und was sonst noch alles zu beachten war.
Ca. 2 Stunden lang hat das ganze gedauert und dann sollten wir selbstständig pflücken und das ist wirklich nicht so leicht.

Royal Galas

Man trug vor sich einen so genannten Picking Bag. Dort schlüpft man mit den Armen hinein, wirft die Äpfel rein und kann ihn dann unten aufmachen, um den Inhalt dann in die Bins zu befördern. Wenn er gefüllt ist, wiegt der schonmal um die 5kg oder mehr und man muss sich dann bücken, damit gehen oder Leitern hochsteigen. Wenn wir besonders lustig oder verzweifelt waren, sind wir damit rumstolziert, haben geschrien "OMG Ich bin schwanger! Mit Äpfeln. Geht weg! Ich bekomme Wehen" und haben dann Äpfel geboren xD

Picking Bags

Äpfel pflücken ist übrigens viel schwerer als es klingt oder aussieht. Man muss eine ganz bestimmte Technik beherrschen und die Äpfel nicht abreißen sondern rausdrehen. Dafür muss sich der Daumen auf dem Apfel befinden, die anderen Finger umschließen den Apfel und der Zeigefinger befindet sich ganz oben am Stiel. Danach wird der Apfel "geliftet", also nach oben gedreht und weil der Zeigefinger am Apfelstiel ist, wird dieser nun vom Zweig gelöst und schon hält man den Apfel in der Hand.
Hört sich kompliziert an, ist es auch. Ich habe bestimmt 2 Tage gebraucht um das wirklich zu beherrschen, denn ich bin immer wieder ins alte "ich reiß einfach dran" Muster zurückgekehrt, was aber viel länger dauert als die Lift-Technik. 
So liefen wir dann also 10 Stunden lang zwischen Apfelreihen hin und her und pflückten rote Royal Galas. Die Mittagssonne brannte, unser Wasser leerte sich, wir mussten auf Klo und die dummen Leitern machten uns zu schaffen. Man musste sie nämlich immer von Baum zu Baum tragen, sie an der richtigen Stelle platzieren und dann hochklettern. Konnte man den Apfel dann, unter Einsatz seines Lebens, immernoch nicht erreichen, musste man die Leiter woanders hinstellen und es erneut versuchen. Das nervt nicht nur, sondern kostet auch noch wertvolle Zeit. Denn als Farmarbeiter wird man meist "per contract" bezahlt. Das heißt pro Bin. Und da gab es, umgerechnet, ca. 20€ für einen 1x1m großen Behälter, der bis zum Rand mit Äpfeln gefüllt sein musste.
Da man möglichst viele davon schaffen will, muss man hart und natürlich auch viel arbeiten. Man konnte sich keine langen Pausen leisten, aß seine Brote lieber schnell in 10min. anstatt eine Stunde lang im Schatten zu sitzen und sich auszuruhen. Schließlich war man ausschließlich zum Geld verdienen dort. 
Am ersten Tag schafften wir gerade mal 1 1/2 Bins...ok, wir hatten 2 Stunden später angefangen, 2 Stunden ging für die Einführung drauf und wir konnten es nicht. Am zweiten Tag schafften wir 2. Normal sind 3.

volle Bins

Der erste Tag war wirklich schlimm. Wir hatten nicht nur einen übelsten Sonnenbrand, sondern auch überall Schmerzen. In der Nacht träumten wir von Äpfeln, schloss man die Augen, hatte man überall Äpfel vor sich. Man ist in Gedanken die Pfückbewegung durchgegangen und konnte überhaupt an nichts anderes denken. Die anderen meinten, dass das in den ersten 3 Tagen immer so ist und sich das irgendwann bessert.
Nach einer Woche war dies tatsächlich der Fall. Der Körper hatte sich irgendwie dran gewöhnt, nur die Hände nicht. Regelmäßig bin ich in der Nacht aufgewacht, weil meine rechte Hand eingeschlafen ist und so doll dabei schmerzte, dass ich nicht weiterschlafen konnte. Ich konnte kein Buch mehr im Liegen hochhalten, ohne dass meine Hände dabei einschliefen, das habe ich heute übrigens ab und zu auch noch und allgemein schlafen meine Hände viel schneller ein als sonst. Ich dachte das würde nur mir so gehen, bis auch die anderen Apfelpicker meinten, dass sie ebenfalls an der "apfelpicker Krankheit" leiden würden. 

festgefahrener Traktor

Zwischendurch wurde man immer von den Supervisorn besucht. Das war entweder ein mauliges Ehepaar oder die Söhne vom Besitzer. Diese sollten die Bäume kontrollieren und auch die Äpfel. Sind zu viele Blätter dran, mussten sie im Schuppen nämlich abgezogen werden, was wieder Zeit kostet und Zeit ist bekanntlich Geld. Waren sie zu grün, konnten sie nicht verkauft werden, wenn sie Dellen hatten, ebenfalls nicht. Es gab immer was zu meckern, was sie uns auch immer hören ließen. Dementsprechend unbeliebt waren sie auch. Vor allem in den ersten zwei Wochen darf man sich als Neuling eine Menge anhören und man denkt regelmäßig ans Aufhören, weil man wirklich alles falsch zu machen scheint.
Nach zwei Wochen waren sie aber wie ausgewechselt, es gab Lob und ein "well done girls! Everything looks fine!" war gar nicht mehr so selten. Inzwischen waren wir übrigens zu dritt und arbeiteten mit einem anderen Mädchen aus dem Hostel zusammen.

Die Arbeit wurde immer leichter, weil die Bäume besser wurden. Wir schafften 5 Bins an einem Tag, weil wir nun "High Earlys" (in Geschäften als Red Delicious ausgezeichnet) pflücken durften. Diese waren nicht nur größer als die Royal Galas, sondern durften "gestrippt" werden. Das heißt jeder Apfel am Baum musste geerntet werden. Das erspart eine Menge Zeit, da man nicht darauf achten musste, welche Äpfel rot genug sind und welche nicht. Zudem war die Leiter kaum nötig, da die Bäume so klein waren.
Später folgten die Jona Golds, bei dem Leiterarbeit gar nicht mehr nötig war, da sie von anderen Arbeitern erledigt worden sind (die Männern in den Cherrypickerngefährten). Hier schafften wir unseren Rekord von 6 Bins am Tag.
Eigentlich wollten wir nach 5-6 Wochen wieder gehen, hatten uns inzwischen aber so sehr an die Arbeit, dem Hostel und all die Leute dort gewöhnt, dass wir 2 Monate bleiben wollten, am Ende wurden es sogar 3 um das 2. Visa bekommen zu können.
Bei der Arbeit konnte man Musik hören, weswegen dies alles vereinfachte (inzwischen ist das verboten, keine Ahnung wieso) und auflockerte. Man war die meiste Zeit eigentlich allein, konnte so viele Pausen einlegen wie man wollte und sich mit seinen Mitarbeitern unterhalten und über die Supervisor lästern, selbst wenn diese gerade am Bin standen haha.
Später legten wir nach jedem Bin eine Stunde Pause ein, weil wir meinten, dass 3 Bins pro Tag genug sind. 

Granny Smiths

Aber man musste nicht nur Äpfel pflücken, sondern den Traktor mit den Anhängern zwischendurch auch noch austauschen, notieren, dass man einen vollen Anhänger zurückgebracht hat, neue Kärtchen schreiben, um zu markieren, dass man der Pflücker war. Jedes Mal, wenn der Bin also voll war, hieß es, den Traktor zum Schuppen zu fahren und dabei wieder wertvolle Zeit zu verlieren. Deswegen gab es auch eine Person, die es bevorzugte mit 2 Anhängern zu picken und dies dann alleine zu tun. Er wurde der 6-Bin-Mann genannt und schaffte diese unglaubliche Anzahl auch jeden Tag.
Ich hatte dann doch aber lieber etwas Gesellschaft, mehr Pausen (er machte nie Pause!) und Abwechslung als ununterbrochen nur zu pflücken.

forklifts tauschen die Bins aus

Für Abwechslung sorgte übrigens auch Australiens Tierreich. An schönen Tagen konnte man morgens um 6 Uhr Känguruhs auf dem Feld sehen, die einen, trotz Eiseskälte daran erinnerten, dass man immernoch in Australien ist.
Dann gab es die Schnecken, die bevorzugt Äpfel aßen und sich manchmal mit 50 (!!!) anderen Schnecken darauf tummelten. Besonders beliebt waren die Äpfel in Bodennähe. Am Anfang habe ich mich noch geekelt und bin immer zurückgeschreckt als ich die Schnecken befühlt habe. Ziemlich schnell konnte ich mich aber an sie gewöhnen, habe sie von den Äpfel gezogen und auf dem Baum niedergelassen (obwohl Mr. Apfel meinte, dass wir sie zertreten sollen, schließlich machen sie seine Äpfel kaputt. Aber sowas mach ich nicht. Außerdem hätte ich dann ja Schnecke am Schuh. bäh!)
Es gab Raupen, nackte oder Behaarte und grüne Minifrösche (auch die haben mich zuerst zu Tode erscheckt...könnten ja bei Berührung tötlich sein...der erste Frosch befand sich in meiner Pickingbag und aus Verzweiflung habe ich die geöffnet und alle Äpfel verloren und dabei gehofft, dass der Frosch dann mit runterfällt, der dann aber klugerweise einfach vorher rausgesprungen ist...pf... aber als dann klar war, dass es nur harmlose Laubfrösche sind, konnte ich sie sogar anfassen muahaha...schleimige Dinger). Ab und zu gab es sogar Schlangen (natürlich alle giftig) und Spinnen. SPINNEN!!! Die erste Spinne habe ich an einem Baum ganz oben entdeckt und vor Angst alle Äpfel oben hängen gelassen. Zum Dank bin ich fast von der obersten Sprosse der Leiter gefallen. Ein anderer Picker ist wegen einer Spinne tatsächlich mal von der obersten Sprosse gefallen, lag schmerzverzerrt auf dem Boden, wurde von nem Supervisor gefunden, der ihn dann nur fragte, ob er heute noch weiterpicken würde.
Die nächste Spinne befand sich dann wieder an einem Baum, konnte aber irgendwie ignoriert werden. Ich schrei dann ja nie, weil ich Angst habe, dass ich die Spinne irgendwie ansauge und sie in meinem Mund landet. Die dritte hing an einem Netz vor dem Baum. Da musste ich ran und habe aus ca. 5m Entfernung einen Apfel dagegen geworfen haha. Und dann saß eine einfach in meiner Pickingbag, während ich diese anhatte. DADRIN. Ekelhaft. Groß und mit Sicherheit giftig! Waaaah! Panisch und mit geschlossenem Mund (!) bin ich zum Bin gerannt und hab die Tasche dort entleert, den Bag ausgezogen und 10min. gewartet, den Bag dann von wem spinnenfesten inspizieren lassen und weitergemacht.

Langeweile während des Binaustausches muahaha. Von mir bemalt und von allen bestaunt
 
Wurden Leitern beschädigt, muss man diese als Arbeiter selbst bezahlen. 100$ kostet sowas und in unserer Zeit wurden 2 Leitern beschädigt. Die erste hatten wir noch bezahlt, die andere wurde in geheimer Mission versteckt und gegen eine Neue ausgetauscht. Ging gut, weil wir direkt an der Leiterquelle saßen und keiner auf der Farm war. Trotzdem wurden wir fast erwischt. Und das 2mal! Auf dem Weg zurück zu unserer Reihe kam uns nämlich unsere Supervisorin entgegen und wollte fragen, was wir dort machen würden. Schneller als wir erkannte sie aber, dass wir wahrscheinlich wen gesucht hatten, weil unsere Reihe fast fertig war und war mit dieser (ihrer eigenen) Begründung zufrieden.
Die beschädigte Leiter versteckten wir in einer Apfelreihe, die bereits komplett gepflückt wurde und legten ein paar Zweige darüber. Wir hofften, dass die erst nächstes Jahr bearbeitet werden würde und hatten Herzrasen, als wir sahen, dass 2 Tage später jemand mit einem Düngeauto dadurch fuhr. Die Leiter wurde an den Wegrand gestellt. Sichtbar für jeden. Nun wollten Besitzer und Supervisor wissen, wer die Leiter zerstört hat und da wir in der Nähe waren, wurden wir natürlich sofort gefragt, wo unsere Leitern sind. "just over there!" Wir waren ja so schlau und hatten uns eine Neue geholt...Glück gehabt. 

"Big Apple" in Stanthorpe

Jeden Donnerstag war Zahltag, nach der Arbeit mussten wir uns den Pay-Slip (der Zahlschein) abholen, kontrollieren ob alles richtig war, was selten der Fall war und konnten am Abend dann den Kontostand checken gehen. In guten Wochen wurde 400€ gemacht, in weniger guten 200€. Normal waren 250-300€.

Als mir mal besonders langweilig war, habe ich gezählt, wie viele Äpfel in einen Bin gehen. Genau 100, wenn ich quetsche und noch ganz viele oben drauf lege und ihn wirklich komplett voll mache.
Danach habe ich gezählt, wie viele Bags man benötigt um einen Bin vollzumachen. War immer sehr spaßig, wenn wir später zu dritt einen Bin machen mussten und wir immer runterzählen konnten, wie viele Taschen noch fehlten. 30 haben nämlich reingepasst.
Bei 90 Tagen Arbeit auf der Farm habe ich also ca. 270000Äpfel gepflückt. poah. So viele Äpfel werde ich in meinem ganzen Leben nicht essen. 



Kommentare:

  1. Das ist so interessant und ich möchte ganz schnell weiterlesen...

    Danke dir

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  2. Wow, das kingt ja wie eine Wissenschaft für sich.
    Aber die Apfelgeburt ist mein Highlight! ;-)

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  3. Hallo!!!

    Ich war selbst in Stanthorpe Äpfel pflücken und kann deine Berichte nur bestätigen!

    Da ich leider meine ganzen bilder verloren habe, bin ich froh, dass ich jetzt immerhin ein Bild von den bins habe. das kann sich ja so kein mensch vorstellen.

    War eine Wahnsinnszeit in Down Under.

    Viele Grüße von einem anderen Backpacker

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