Montag, 28. Juni 2010

Cat Down Under - Teil 14

Wir fuhren also mit dem Crisps Bus, mit dem, außer uns, nur alte Menschen fuhren, keine Ahnung wieso. Wir fuhren irgendwann an Apfelplantagen entlang und dachten, dass wir nun ja mal da sein müssten. Dann hält der Bus mitten im Nirgendwo. Ich denke mir noch "ach das ist ja nett. Damit die alten Omas nicht so weit zu ihrem Haus laufen müssen, hält er direkt davor" Bis der Busfahrer dann schrie: "Summit Backpackers!" Ja. Wir mussten schwer schlucken, war das Hostel doch wirklich entfernt von allem. Wir steigen also aus, gehen die Straße entlang zum Hostel. Auf einmal werden wir von mind 5 Menschen umlagert "heeey. You're the new girls, right?" Soso...hatte sich also schon herumgesprochen. Ziemlich schnell kannten sie unsere Namen und wiederholten sie bei jeder Gelegenheit. Sie fragten uns aus wie lange wir bleiben wollten, ob wir schon nen Job hätten blabla. Dann kam Nici, die Rezeptionsfrau, meinte wir sollen ganz schnell mitkommen und uns beeilen (äääh...wer hat uns denn jetzt 20min warten lassen?) weil ihr Mann heute wiederkommt. Mann? Die war doch gerade mal 12 oder so (ok...sie war 20). Kaum hatten wir eingecheckt, standen wieder 100 Leute bereit um unsere Koffer zu tragen. Warum? Wieso? Wer war das? Wir zogen in das kleine niedliche Cottage ein und teilten uns mit einer Irin ein Zimmer. 

das Cottage

Die fragten wir erstmal verwundert, warum es keine Schlüssel geben würde..."Die sind alle irre hier...Jesus Freaks. Schwer gläubig. Denken, wenn sie sich alle wie gute Menschen verhalten, kommen sie in den Himmel. Nach deren Ansicht sind nur noch 3000 Plätze frei!" aaachso...deswegen waren die so übertrieben freundlich. Die Irin machte auch alles nieder "kein Alkohol! Habt ihr gehört. Kein Alkohol! NIEMALS! Die haben meine Freunde rausgekickt, weil die getrunken haben. Bei nem Pokerspiel ... ein paar Bier" (später stellte sich heraus, dass es bekiffte Franzosen waren, die vor dem Poker spielen noch ein paar Waschmaschinen geschrottet und sich auch sonst nicht gerade gut aufgeführt haben. Hatte also schon seine Gründe).
Sie machte nicht nur einmal deutlich, dass sie die Hostelbetreiber wahnsinnig unsympathisch fand...dabei waren sie doch so nett...

 das "Mainhouse" nicht annähernd so cool wie das Cottage
Das Hostel wird von ca. 20 Leuten geführt. Alle im Alter von 20-27, alle keine Ahnung davon, wie man ein Hostel betreibt, wie man sich abspricht und wie man die Fahrtschichten am Morgen am besten plant. Der Busfahrer war eine einzige Katastrophe und so schlecht auf das alles vorbereitet, dass wir ihn alle regelmäßig verfluchten. Ist auch nicht schön, wenn man morgens eine Stunde zu früh auf der Arbeit auftaucht, nur weil der Busfahrer einfach viel zu blöd ist, um die Fahrten richtig zu planen. Und abends dann nochmal ne Stunde warten muss, nur weil Herr Busfahrer, sich lieber mit Mr Apfel einigt statt auf uns zu hören. 
Diese Hostelmenschen wollten also alle in den Himmel, wollten das Hostel als Trittbett dafür nehmen. Sie wollten damit so viel Geld verdienen, damit sie irgendwie nach Papua Neuguinea gehen können, um dort Missionsarbeit zu vollführen. Vielleicht hätten sie das Hostelbetreiben einfach überspringen sollen, denn es wurde vor ihnen gut geführt von einem alten Mann, der Kontakt zu den Farmern aufbaute, die Fahrten gut regelte und sich auch mal darum kümmerte, wenn ein Bus kaputt war. Was machten die Hostelmenschen? Der kaputte Bus stand 2 Monate (!!!) lang im Hof und niemand dachte daran ihn auch nur anzufassen, obwohl sich sicherlich 3 Mechaniker im Hostel befanden. Als es in Victoria gebrannt hat, wollten alle zum helfen runterfahren. Keine schlechte Sache, natürlich nicht. Aber damit alle Platz hatten, nahmen sie den Hostelbus (!!!) der normalerweise für die Hostelbewohner gedacht ist. 4 Autos blieben zurück und so durften 50 Arbeiter am morgen gucken, dass sie rechtzeitig zur Arbeit erschienen und auch ja nicht am Abend vergessen wurden. 
Es gab keine Schlüssel, weder zu den Türen der Zimmer noch zu den Haupttüren. Natürlich wurde geklaut, wer hätte das gedacht? Nachts kam es auch mal vor, dass fremde Männer in den Mädchenzimmern standen. Hinderte sie ja auch niemand dran einfach reinzugehen. Unsere Dusche war 2 Monate lang kaputt, entweder war das Wasser zu heiß oder zu kalt. Die Farmer machten sich inzwischen über die Hostelbetreiber lustig, unser Supervisor fragte später regelmäßig ob wir schon eine Teufelsaustreibung hinter uns hätten. Weitere Farmer sprangen von ihren Verträgen ab, weil sie dem ganzen Hostelvolk einfach nicht mehr trauten. 
Wollten wir an einem freien Tag in die Stadt, musste man das Tage vorher ankündigen, damit sich jemand dazu bereit erklären konnte uns zu fahren (gab ja keine öffentlichen Verkehrsmittel). Wollten wir ins Pub, war das auch viel zu kompliziert und da die Hostelmenschen alle streng gegen Alkohol sind, haben sie an dem Abend gerne mal christliche Konzerte veranstaltet, zu denen jeder kommen sollte. Sie sind abends sogar durch die Zimmer gestürmt, um alle rauszuholen.

Ich könnte ewig so weiter machen, erzähle aber nur noch eine Story, damit ihr sehen könnt, wie gestört die doch sind:

Ein Mädchen, die auch im Cottage gewohnt hat, kam zusammen mit ihrem Freund an. Sie hatten sich erst in Australien kennengelernt, waren aber trotzdem schon über Monate zusammen. Einer der Hostelmenschen "verliebte" sich aber in das Mädchen und hat den perfekten Moment abgewartet. Keiner weiß, wie er das gemacht hat, denn das Mädchen übernachtete eigentlich immer bei ihrem Freund, nur in dieser Nacht nicht. Um 3 Uhr kam dann besagter Hostelmensch in ihr Zimmer, weckte sie um mit ihr in die Küche zu gehen. Dort laberte er was von "Jesus hat mich zu dir geführt. Ich liebe dich. Ich weiß, dass wir zusammen gehören!" Geschockt verschwand sie wieder und hielt sich von nun an nicht mehr in seiner oder der Nähe irgendwelcher Hostelmenschen auf. Der Freund wurde von den Hostelmenschen wie der letzte Dreck behandelt, weil er ja Schuld daran sei, dass Jesus Fügung nicht geklappt hat. 
Solche Sachen sind dort öfters vorgefallen. Auch Mr. Busfahrer hatte es einmal fast geschafft, hatte einer Backpackerin nach 3 Monaten einen Antrag gemacht, die aber ablehnte, weil ihr das alles zu gruselig wurde. Eine andere Hostelbewohnerin kam in unser Zimmer, erzählte uns ihre Leidensgeschichten (Drogen, Alkohol, blabla...wie alle dort) bis plötzlich Jesus vor ihrer Tür erschien und sie rettete. Von dem Tag an sei alles wunderbar gewesen. Sie meinte, dass sie einen besonderen Draht zu uns hat und weiß, dass wir das gleiche erleben wollen (äh??? Hallo?) und verschwand später mit einem "und? hat das irgendwas bei euch bewegt? Wollt ihr euer Leben nun anders führen?"...als ob wir so wahnsinnig schlechte Menschen wären...vielen Dank auch.

Als wir ne neue Mitbewohnerin bekamen, erzählte sie uns irgendwann total verängstigt, dass der Fahrer, der sie zum Einkaufen brachte, auf sie eingeredet hätte und was von "du bist doch aus einem bestimmten Grund hier. Alle kommen wegen was bestimmtem her (ja! Arbeiten?!)" und ob sie es nicht auch fühlen würde, dass die beiden eine ganz besondere Verbindung hätten. Früher wurden auch noch regelmäßig "Bibelstunden" oder ähnliches veranstaltet, an denen JEDER teilnehmen MUSSTE. Bis sie dann wohl gemerkt haben, dass die das nicht so einfach machen können, schließlich war es ein WORKING Hostel und kein "Komm her wir machen dich zum Jesus Freak!"-Hostel.
Mir ist es ja egal, an was die Leute glauben, ich bin Atheist, wurde aber getauft und konfirmiert, weil man mit 13 den ganzen Quatsch ja noch glaubt. Dann habe ich aber für mich beschlossen, dass die ganzen Geschichten einfach nicht wahr sein können und das wars dann. Ich würde nie irgendwo rumlaufen, Flyer verteilen und sagen "ihr seid doch alle krank, wenn ihr an so nen Mist glaubt. Es gibt keinen Gott!" wie die Christen, die rumgehen und was von "Homosexualität ist eine Krankheit" oder "Sex vor der Ehe ist nicht gut!" erzählen. 
Mir ist auch weiterhin egal, dass die Jesus Freaks dort in ihrem kleinen Häuschen sitzen und ihr Mantra aufsagen (Jesus loves you), so lange sie mich damit in Ruhe lassen, was sie ja eindeutig nicht getan haben.




Abgesehen davon, war das Hostel aber recht gut. Es gab eine riesige Küche in der man anständig kochen konnte und es auch genügend Sitzplätze gab. Im Cottage hatten wir einen Aufenthaltsraum mit Sofas und Fernseher, den wir auch regelmäßig genutzt haben (jeden Abend). Wenn es warm war, konnte man sich in den riesigen Garten legen, die Waschmaschinen konnte man austricksen (der alte 3 Ohrstäbchentrick muha) und die Betten im Zimmer waren schön bequem.

 unsere Zimmerwand und Hüte

Nur die Kälte im australischen Winter macht einen dort besonders zu schaffen. Stanthorpe liegt nämlich etwas höher, im Winter kann es dort schonmal frieren und australische Häuser sind darauf absolut nicht vorbereitet. Es zieht durch die Fenster und natürlich gibt es auch keine festinstallierten Heizungen, weswegen wir uns mit kleinen, rollbaren Heizungkörpern wärmen mussten, die regelmäßig spinnten. Im Cottage wohnten 16 Personen, es gab eine Dusche und eine Toilette. Man hat ewig gewartet bis man nach dem arbeiten endlich drankommen konnte. Trotzdem haben wir uns dort wie zu Hause gefühlt, schließlich wohnten wir 3 Monate dort und hatten den Großteil der Zeit über die gleichen Menschen um uns.

Aber das entwickelte sich alles erst später, denn als wir angekommen sind und auch die nächsten Tage, war alles schrecklich. Ich rief noch am Abend bei Mr. Apfel an, der meinte, dass wir am nächsten Morgen doch vorbei kommen sollten um mit uns zu reden (ich dachte wir hätten den Job bereits?!). Wir sagten den Hostelmenschen Bescheid, die uns dann um 7Uhr zur Apfelfarm bringen wollten. Haha...von wegen. Um 6.30Uhr klopfte es an der Tür. Wo wir denn blieben, hieß es. Wir wollten in 10min. aufstehen, schließlich mussten wir nur Zähne putzen und uns umziehen (Make-Up und Styling ist in den 3 Monaten bei mir komplett weggeblieben. Außer am Wochenende). "Der Bus fährt in einer Minute los..." "hä? du hast uns doch gesagt, dass der um 7Uhr fährt!" "sorry. Mein fehler, natürlich sollt ihr um 7Uhr bereits auf der Farm sein und der Bus fährt immer eine halbe Stunde vorher" äääh jaa...gut zu wissen, wie sollten wir das denn ahnen?

Dann wurden wir mit dem Auto gebracht und hielten ein 10minütiges Gespräch mit Robert de Niro...äh Mr. Apfel. "sehr harte Arbeit girls...kein Spaß...sehr anstrengend...sehr langweilig...keine Abwechslung...wollt ihr das wirklich machen?" wir bejahten alles und sollten gleich am nächsten Tag zur Arbeit erscheinen...ach? Ich dachte die Saison fängt erst Mitte Februar an...es war immernoch Anfang Februar. 
Wir gingen danach noch schnell einkaufen (wir hatten ja absolut nichts zu essen dabei. Wieso auch?) und schliefen den Rest des Tages...ist ja auch sehr anstrengend so ein Leben mitten im Nirgendwo.

Am nächsten Tag der gleiche Spaß "wo bleibt ihr? Der Bus fährt gleich!" ... "man hat uns gesagt, dass der um 6.45Uhr fährt" "kommt schnell!" Ohne Frühstück gings also ab aufs Feld...wunderbar. 

Kommentare:

  1. Oh mann, ich glaube, ich wär ausgezogen, wenn das erste Mal ien fremder Mensch nachts in meinem Zimmer steht. Schon unheimlich.
    Aber spannend wie immer.

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  2. wow....ich glaub ich würd damit nicht klargekommen, wenn mich ständig solche jesus-freaks bekehren wollen würden...

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  3. Oh gott die Jesus Jünger! Ich hätte anfälle bekommen, denn wenn nachts jeder in mein Zimmer kann... ich hätte nicht schlafen können. Das arme Mädchen mit ihrem Freund! Ich hätte ständig in Angst gelebt oder waren die nur nervig und eher harmlos? ...obwohl harmlos, wenn man nachts besucht wird?!

    Aber ich freu mich schon drauf wies weitergeht, hab gerade alle deine Einträge gelesen zum Australienaufenthalt:-) superspannend!

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  4. Man konnte nicht einfach ausziehen, da dieses Hostel leider das einzige war, was einen Shuttle zur Arbeit hat und darauf waren wir nunmal angewiesen.
    Hatte man n Auto konnte man sich in der Stadt für die Hälfte des Geldes ein Appartment mieten, was die meisten auch sofort getan haben, wenn sie erstmal n Auto gefunden hatten.
    Sonst blieb nur noch der Campingplatz, aber auf mein Bett und das Sofa konnte ich nach der Arbeit dann doch nicht verzichten ;)

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  5. Oh man ich staune immer wieder, was du / ihr alles erlebt habt :)
    Klingt zum Teil määchtig gruselig, aber natürlich auch spannend... hm aber ich wollt nur mal zur Verteidigung sagen, dass die Protestanten aber nicht sowas machen, davon wüsste ich :D
    Jetz zieh ich mir den nächsten Teil rein, dass macht ja regelrecht süchtig wie eine Soap =)

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